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Die FAZ veröffentlichte einen Artikel zum Thema, wie Internate mit dem Übergang von G9 auf G8 umgehen und welche Chancen, Internate Schülern bieten können. Ausgesprochen interessante Perspektiven. Was der Artikel vergaß zu erwähnen: Gesamtschulen in Hessen können wählen. Genau das tut die Odenwaldschule, deren neue Leiterin Frau Kaufmann, sich vorgenommen hat, dem tradierten Internat neuen pädagogischen Schwung zu verleihen. Und so, wie es jetzt schon aussieht, gelingt ihr das ganz hervorragend.
Kaum ein Thema hat die Gemüter in der pädagogischen Diskussion so bewegt wie der Übergang von G9 aufs G8; von der neunjährigen Gymnasialzeit zur achtjährigen. Politisch angekündigt als die große Vereinheitlichung zu den international relevanten Schulsystemen vor allem angelsächsischer Provenienz und damit der Wahrung der Wettbewerbschancen unserer Kinder in der Welt, betrachten es seine Kritiker eher als eine pädagogisch verbrämte gigantische Sparmaßnahme des Staates im Bildungsbereich.
Nachdem die politische Entscheidung in fast allen Bundesländern zugunsten einer G8-Gymnasialzeit gefallen ist (einige der Neuen wie Thüringen hatten von jeher ein G8-System), verbleiben nur noch wenige Ausnahmen, wie Rheinland-Pfalz, das ein so genanntes 8 2/3-Modell fährt (mit Abitur schon im März des Prüfungsjahres) oder Hessen, das seinen Gesamtschulen die Wahl zwischen G8 und G9 einräumt. Ansonsten versuchen sich die Ausführenden an den Schulen mit den neuen Vorgaben zu arrangieren.
Die Möglichkeiten, modifizierend oder gar gestaltend einzugreifen, sind für die öffentlichen Schulen eng begrenzt. Das liegt vor allem daran, dass man aus den pädagogischen Vorbild-ländern zwar die 12-jährige Schulzeit, aber selten deren dazugehörende Rahmenbedingung übernommen hat; nämlich voll versorgende Ganztagsschule. Privatschulen und Internaten bietet sich da ein deutlich größerer Gestaltungsspielraum; und den nutzen sie. Das scheinen zunehmend auch die Eltern so zu sehen. So macht der Leiter des Internats Kolleg St. Blasien, Pater Siebner, eine schon seit Jahren in Bewegung befindliche G8-Flucht fest. Und das, obwohl die Internate in Baden-Württemberg in der Regel – wie sein Haus auch - der Landesvorgabe formal folgen. Und sein bayerischer Leitungskollege Dr. Mantler vom Internat Landheim Schondorf stellt ebenfalls „einen „Flüchtlingsstrom“ von Eltern und Kindern aus der vormittäglichen G8-Unterrichtszusammenballung“ fest.
Was bringt Eltern nun dazu, im Internat etwas zu suchen, was sie in der öffentlichen Schule vermissen? Die von vielen Eltern als überfallartig und schlecht vorbereitet empfundene Einführung des G8 hat zu einer Massierung des zu vermittelnden Stoffs geführt, die es selbst gut durchschnittlich begabten Kindern kaum noch erlaubt, sich Zeit für außercurriculare Aktivitäten frei zu schaufeln. Doch besteht unter Pädagogen Konsens darüber, dass ein Engagement im Sport, beim Theater, in der Musik oder in der Organisation von Schülermitverwaltung, zur Bildung einer ausgereiften Persönlichkeit mindestens genauso wichtig sind, wie guter Unterricht in Mathematik, Englisch oder Chemie. Wenn das für einen großen Teil der Schüler nicht mehr gewährleistet werden kann, bauen sich Defizite auf. Vermeidbare Defizite.
„Die führenden deutschen Internate haben sich – oft schon sehr frühzeitig - auf die Anforderungen, die sich aus G8 ergeben werden, eingestellt und überzeugende Konzepte zu dessen praktischer Durchführung vorgelegt“, sagt Dr. Detlef Kulessa von der Internatsberatung Töchter und Söhne. So hat beispielsweise das Internat Birklehof bereits in den 90er Jahren Strukturen einer „lernenden Organisation“ aufgebaut und in regelmäßigen Abstimmungen des gesamten Kollegiums ein Birklehof-Curriculum aufgebaut, das nicht nur den baden-württembergischen Lehrplänen genüge tut, sondern auch die Notwendigkeit der vielen außerschulischen Aktivitäten (am Birklehof ganz besonders der Musik) berücksichtigt und sinnvoll und stressfrei in den Schul- bzw. Internatsalltag integriert.
Internatspädagogen, wie Ursula Heller vom CJD Braunschweig, sind sowieso der Meinung, dass eine Schulkarriere spätestens mit 18 abgeschlossen sein sollte: „Für die Erziehungssituation ist es viel besser, wenn die Jugendlichen mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter auch das Umfeld wechseln“. Allerdings auch für Heller nur dann realisierbar, wenn in den verbleibenden 12 Jahren curricular aufgeräumt wird. Das tut das CJD Braunschweig, indem es in seinem SECUNDUM den Weg beschreitet, „radikal Basiswissen zu isolieren. Also für jedes Fach eine einheitliche Zusammenstellung dessen zu haben, was ein Schüler wirklich braucht“, so Heller.
„Die Chance der Internate, wirklich Ganztagsschulen, ja mehr noch, nämlich 24-Stunden-Schulen zu sein, haben die meisten Internate angenommen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten gefüllt“, so Bildungsberater Kulessa. Oder, wie Dr. Mantler, einer der großen noch verbliebenen deutschen Internatspädagogen, das ausdrückt: „Sie [die Internate] haben ganz andere Möglichkeiten der Rhythmisierung des Lernens zu einem Fließgewicht zwischen Unterricht, gemeinsamem Üben, Essen, Spielen, Beratungen, Gesprächen, Sozialdiensten und Werkstätten“. So in einen Lern- und Lebensalltag integriert, verliert das G8 seinen bei vielen Eltern erzeugten Schrecken und wird zur Chance deutscher Schüler, neben der international üblichen Schulzeit von 12 Jahren dennoch die vielen anderen Möglichkeiten zu nutzen, eine starke und selbstbewusste Persönlichkeit zu entwickeln und auszubauen.
Interessante Alternativen zu diesem Mainstream bieten die Internate, die staatlich genehmigt sind. Sie bleiben in aller Regel – entweder ausschließlich oder als Wahlmöglichkeit - weiterhin beim G9 und wahren so die Möglichkeit, sich der Lerngeschwindigkeit von Schülern individuell anzupassen.
Der Leiter des Trifels-Gymnasiums – ein Internat in Trägerschaft der Evangelischen Kirche -, Philipp Gerlach, bringt noch eine interessante Variante ins Gespräch, die das eine tut, ohne das andere zu lassen: „Wenn man junge Absolventen wünscht, kann man das auch durch ein frühes Einschulen erreichen.“ Übrigens ein Weg, der im Mutterland moderner Internats- Pädagogik, in England, seit jeher selbstverständliche Realität ist: Auch dort zählt das Gymnasium bis zur Klasse 13; eben weil man ein Jahr früher als bei uns begonnen hat.
„Das Thema G8 ist durch“, so Kulessa, „nun kommt es darauf an, es schüler- und elternverträglich umzusetzen. Und dafür bietet ein Internat wie keine andere pädagogische Institution die besten Voraussetzungen“.